Am 2. Dezember 1962 wurde im Stuttgarter Opernhaus ein Ballett uraufgeführt, das den Beginn einer Ära beim Stuttgarter Ballett markieren und darüber hinaus zu einem der beliebtesten Stücke im Ballettrepertoire überhaupt werden sollte:
John Crankos
Romeo und Julia.
Das Stück, mit dem der Stuttgarter Ballett-Gründer John Cranko 1962 die Herzen seiner neuen Heimat Stuttgart und die der internationalen Ballettwelt im Sturm eroberte, ist inzwischen mit dem Stuttgarter Ballett um die ganze Welt gereist und findet sich außerdem im Repertoire zahlreicher führender Ballettcompagnien weltweit. Auf den Tag genau fünfzig Jahre nach seiner Uraufführung feiert diejenige Compagnie, für die diese
Romeo und Julia-Choreographie geschaffen wurde, den runden Geburtstag mit einer Jubiläumsvorstellung im Opernhaus.
Dass der junge John Cranko, kurz nach seinem Dienstantritt als Stuttgarter Ballettdirektor 1961, sich gleich in seinem ersten Jahr an den dramatischen Shakespeare’schen Stoff heranwagte, den so viele große Künstler vor und nach ihm für die Bühne bearbeitet haben, mag damals viele Skeptiker auf den Plan gerufen haben. Doch sein
Romeo und Julia fegte quasi über Nacht allen Zweifel an dem Stuttgarter Neuling vom Tisch und stellte auch die Ballettcompagnie in ein völlig neues Licht.
Schon 1958 hatte Cranko für das Ballett der Mailänder Skala eine eigene Version erarbeitet, nun hatte er „seiner“ jungen Compagnie dieses Ballett auf den Leib geschneidert. Diese frühe Arbeit trägt viele Merkmale, für die Crankos Handlungsballette noch heute weltberühmt sind: Lebendige und ausgestaltete Charaktere, atemberaubende Pas de deux, ausgefeilte Corps de ballet-Szenen, seine verständliche und tiefgehende Art, eine Geschichte zu erzählen, seine große Musikalität und der Mut, sich komplexen literarischen Vorlagen zu nähern. Hier kommt auch sein tiefes Verständnis für die Werke William Shakespeares und dessen Gratwanderungen zwischen Tragik und Komik, zwischen Ernst und Unterhaltung, zum Tragen. Zudem legte
Romeo und Julia den Grundstein für die lebenslange und überaus erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose, der mit der zweistöckigen Bühnenstruktur und den farbenfrohen Kostümen und Dekors die italienischen Landschaften, Straßen und Häuser ins Stuttgarter Opernhaus holte. Die Erneuerung des Genres Handlungsballett durch den Choreographen John Cranko begann mit diesem Werk.
Auch 1998, nachdem viele weitere Inszenierungen entstanden waren, nannte die bekannte New York Times-Kritikerin Anna Kisselgoff Crankos
Romeo und Julia noch „simply the best“.
Von seiner Faszination hat dieses Ballett über die Jahre kein Quäntchen eingebüßt. Nach über 600 Vorstellungen allein beim Stuttgarter Ballett ist
Romeo und Julia lebendig und mitreißend wie eh und je. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer widmen sich den technisch und schauspielerisch höchst anspruchsvollen Rollen mit uneingeschränktem Enthusiasmus, denn Crankos Inszenierung des Shakespeare-Stoffes bietet jedem Tänzer die Möglichkeit, seine Rolle individuell zu interpretieren. Die Aufbruchstimmung fließt – auch 50 Jahre nach der Stuttgarter Uraufführung – bei jeder Vorstellung noch spürbar durch die Adern der Tänzer. Eine stimmungsvolle Geburtstagsfeier ist Crankos Romeo und Julia also sicher!