Die Unmöglichkeit, einen anderen Menschen wirklich zu kennen, das ist das Hauptthema von Othello und Desdemona.
(John Neumeier)
Othello, ein dunkelhäutiger Hauptmann, und Desdemona, eine Senatorentochter, begegnen sich und sind sofort fasziniert von der Gestalt des jeweils anderen. Eine Liebesgeschichte entspinnt sich, den Liebenden ist ihr Glück jedoch nicht vergönnt: Aus Rache für die ihm vom Hauptmann verwehrte Beförderung säht der intrigante Fähnrich Jago Zweifel, er überzeugt Othello mit Hilfe seiner eigenen – ahnungslosen – Frau Emilia von der Untreue Desdemonas mit dem Konkurrenten Cassio und treibt Othello letztlich zum Mord an seiner Geliebten. Als Othello seinen Irrtum erkennt, tötet er sich selbst.
Der über 400 Jahre alte Shakespeare’sche Stoff inspiriert Tanz- und Theatermacher bis heute. John Neumeier setzt die Tragödie in eine Erzählung mit viel Tiefgang um, bringt uns sozusagen in die nächste Nähe der Handelnden. Ausgangspunkt seines Balletts sind die falschen Vorstellungen, die Othello und Desdemona voneinander haben. Der Choreograph versteht es auf besondere Weise, den Liebenden ebenso wie deren Trugbildern eine eindrückliche Gestalt zu geben, die sadistischen Züge Jagos und die Rolle seiner Frau Emilia herauszuarbeiten. Mit seiner Choreographie fordert er ganz besonders auch das bekanntlich ausgeprägte dramatische Talent der Stuttgarter Tänzer, die in Soli und tänzerischen Dialogen vielschichtige Charaktere darstellen und zudem bis in die kleinste Nebenrolle lebendig Stimmung und Geschehen verkörpern – die venezianische Gesellschaft, das Treiben in den zyprischen Straßen, die kriegerischen Zeiten.
Die variantenreiche Musikauswahl, von dem zarten Mirror in a Mirror Arvo Pärts über das barock anmutende Concerto Grosso von Alfred Schnittke bis hin zu den Percussion-Klängen des Brasilianers Naná Vasconcelos, flankiert die so verschiedenen Stimmungen des Balletts perfekt.
Choreographisch einfallsreich, dramaturgisch vielschichtig, künstlerisch hoch inspiriert, musikalisch brillant und tänzerisch schlicht wunderschön, bietet dieser Othello eine grandiose, anrührende Studie über menschliche Abgründe in vollendeter Form.