Der britische Choreograph Kenneth MacMillan (1929–1992), der im Dezember 2009 seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, war John Cranko und dem Stuttgarter Ballett zeitlebens eng verbunden. Zwei der bedeutendsten Stücke seines Werkkatalogs, Das Lied von der Erde (1965) und Requiem (1976), wurden in Stuttgart uraufgeführt und sind nun nach mehr als einem Jahrzehnt wieder auf der Stuttgarter Ballettbühne zu erleben.
MacMillan begann seine Karriere, wie Cranko, als Tänzer am Sadler's Wells Ballet Theatre, dem heutigen Royal Ballet, entdeckte jedoch bald seine wahre Berufung und gab seine Tänzerlaufbahn zugunsten der Choreographie auf. 1965 wurde er zum ständigen Choreographen des Royal Ballet ernannt. Von 1966–69 war er Ballettdirektor der Deutschen Oper Berlin, von 1970–77 leitete MacMillan das Royal Ballet, danach zog er sich auf die Position des Chefchoreographen zurück. Von 1984 bis 1989 fungierte er zusätzlich als Kodirektor des American Ballet Theatre. Zu seinen Arbeiten gehören kurze abstrakte Ballette ebenso wie abendfüllende Handlungsballette, darunter Romeo und Julia (1965), Manon (1974) und Mayerling (1987), die bis heute von vielen Compagnien weltweit getanzt werden.
Als MacMillan um 1960 der Direktion des Royal Opera House Covent Garden den Vorschlag machte, Gustav Mahlers Das Lied von der Erde als Ballett herauszubringen, lehnte man ab mit der Begründung, Mahlers Musik sei für ein solches Vorhaben unantastbar. Im Jahr 1965 bot MacMillan seinem Freund und Kollegen John Cranko, damals Leiter des Stuttgarter Balletts, das Projekt an und Cranko stimmte zu. Die Uraufführung mit Egon Madsen in der Rolle des Ewigen und Márcia Haydée und Richard Cragun in weiteren Hauptrollen geriet zu einem außerordentlichen Theaterereignis. Von Stuttgart aus fand das Ballett seinen Weg ins internationale Ballettrepertoire.
Sechs chinesische Gedichte hatten Gustav Mahler im Jahr 1907 zur Vertonung inspiriert. MacMillan unternahm keine choreographische Illustrierung der einzelnen Liedsätze. Er reduzierte seine Bewegungssprache auf das Wesentliche, wobei es ihm gelang, den lyrischen Kern der einzelnen Gedichte tänzerisch zu reproduzieren, aufgelöst in reinen Strukturen und Formen.
„Mein Ballett handelt vom Tod. Dieses Thema steht sehr im Vordergrund. Aber den Mann, der sich zwischen den Tänzern bewegt, möchte ich nicht direkt als den ‚Tod' bezeichnen. Das wäre zu konkret. Im Deutschen heißt er der ‚Ewige', also der, der immer da ist. Die Gestalt des Todes ist keineswegs böse. Er ist einfach immer gegenwärtig; er trägt eine farblose Maske ohne Zeichnung, mit der er wie die anderen aussieht, aber doch nicht ganz genau so. Im Grunde genommen hat das Ballett ein ganz einfaches Thema: Ein Mann und eine Frau; der Tod nimmt den Mann mit, beide kehren sie zur Frau zurück und am Ende steht das Versprechen der Erneuerung." (Kenneth MacMillan)