Jorma Elos Red in 3. zu Peter Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester schließt sich einer Reihe sinfonischer Ballette an, die das Stuttgarter Ballett weltberühmt gemacht haben. Sowohl Kenneth McMillan bei Das Lied von der Erde zu Gustav Mahlers bahnbrechendem Liederzyklus (1965) als auch John Cranko bei Initialen R.B.M.E. zu Johannes Brahms' gewaltigem 2. Klavierkonzert (1972) und Uwe Scholz bei der 7. Symphonie zu Beethovens gleichnamigen Meisterstück (1991) wurden von wichtigen Werken des Kanons der klassischen Musik inspiriert.
Elo nahm sich Tschaikowskys grandioser Musik an, nachdem er mehrere kleinere Stücke zu diversen Violinkonzerten choreographiert hatte. Ein mutiger Schritt, da eine solche Musik geradezu nach einer großen Besetzung verlangt – eine Herausforderung, der sich die meisten zeitgenössischen, jungen Choreographen nicht stellen wollen. Elo hingegen scheut sich nicht – wie seine Vorgänger McMillan, Cranko und Scholz –, die Bühne mit Tänzern zu füllen, ebenso wenig wie er davor zurückschreckt, ein Feuerwerk tanztechnischer Herausforderungen zu entfachen. Betrachtet man Red in 3. als wehmutigen Blick zurück auf das Ballett des 20. Jahrhunderts, so erkennt man die rein klassische, harmonische Handschrift eines Marius Petipas (Choreograph von Schwanensee und Nussknacker) mit all den Pirouetten und Sprüngen, die seine Ballette so atemberaubend und so beliebt machen; die stromlinienförmige und reduzierte Sprache eines George Balanchines; das gedehnte und gekippte Vokabular eines William Forsythe sowie die bedeutungsschwere, aber auch oftmals rätselhafte Gestik des zeitgenössischen Tanzes à la Jiří Kylian. Der durch das kräftige Rot an die russisch-imperialistische Epoche Petipas/Tschaikowskys erinnernde Vorhang schließt sich endgültig zum 20. Jahrhundert, scheint der Choreograph uns sagen zu wollen und die Tänzer werfen sich mit einer Inbrunst in diese Endzeitstimmung hinein, als ob auch sie zum letzten Mal tanzen würden. Gleichzeitig steht Red in 3. mit seinem fast listigem Humor, der Vereinigung verschiedener Stile und den überraschenden Brüchen im Bewegungsfluss mit beiden Füßen fest im 21. Jahrhundert. Insofern gründet der Ballettabend McGregor/Neumeier/Elo auf der choreographisch vielseitigen Tradition des Stuttgarter Balletts und führt den Zuschauer zugleich in die Zukunft des Tanzes.
Jorma Elo, geboren in Finnland, erhielt seine Ausbildung an den Ballettschulen des Finnischen Nationalballetts in Helsinki und des Kirov Balletts in Leningrad. Er tanzte mit international renommierten Compagnien wie dem Finnischen Nationalballett, dem Cullberg Ballet in Schweden und trat 1990 dem Nederlands Dans Theater bei. Dort arbeitete er mit bedeutenden Choreographen wie Jiří Kylián, Hans van Manen, Mats Ek, William Forsythe und Paul Lightfoot zusammen. Beeinflusst durch diese künstlerische Zusammenarbeit wandte er sich der Choreographie zu.
Inzwischen gehört der Finne zu den gefragtesten und produktivsten Choreographen der jüngeren Generation. Bereits nach seinen ersten eigenen Arbeiten wurde Jorma Elo 2004 im Jahresrückblick der New York Times-Kritikerin Anna Kisselgoff als beachtenswertes Talent genannt. Seitdem kreierte er zahlreiche Stücke für weltbekannte Compagnien, darunter das American Ballet Theatre, das Königlich Dänische Ballet, das Finnische Nationalballett, das Aspen Santa Fe Ballet, das Königliche Ballett Flandern und Hubbard Street Dance Chicago. Es folgten Uraufführungen für das San Francisco Ballet, das Norwegische Nationalballett, das Göteborg Ballet, das Nederlands Dans Theater, das Ballett Nürnberg, das Ballett der Wiener Staatsoper, das Royal New Zealand Ballet, das Alberta Ballet und das Basler Ballett. Für das Boston Ballet schuf Jorma Elo fünf Uraufführungen und wurde 2005 zum Hauschoreographen der Compagnie berufen.
Mit seinem energiegeladenen, neoklassischen Slice to Sharp zu Vivaldis Barockmusik, entstanden 2006 für Tänzer des New York City Ballet, stellte sich Jorma Elo vergangene Spielzeit im Rahmen des Ballettabends VARIATIONEN erstmals dem Stuttgarter Publikum vor und wurde begeistert aufgenommen.